Das Kind als Kantianer

Moralentwicklung in West und Ost

 

Die Entwicklungspsychologin Dr. Monika Keller vom Max-Planck-Institut f√ľr Bildungsforschung in Berlin untersucht die moralische Sensibilit√§t in Beziehungen von jungen Menschen in verschiedenen Kulturen. Unter anderem ist sie auch der Frage nachgegangen, wie isl√§ndische und chinesische Kinder und Jugendliche √ľber Freundschaft nachdenken. W√§hrend chinesische Kinder schon mit sieben Jahren die Belange aller Gruppenmitglieder ber√ľcksichtigen, verhalten sich isl√§ndische Kinder zun√§chst egozentrischer. Doch in der Pubert√§t betonen die Jugendlichen in beiden Kulturen den Wert der Freundschaft: Sie sind bereit zu pers√∂nlichem Verzicht (Island) beziehungsweise zum Ausscheren aus dem Kollektiv (China), um das Vertrauen in der Freundschaft nicht zu gef√§hrden. Kellers empirische Studien zeigen, dass Kinder fr√ľher als bisher angenommen in der Lage sind, moralische Dilemmata zu verstehen und sie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Die isl√§ndischen Kinder handeln jedoch im Unterschied zu ihren chinesischen Altersgenossen nicht immer entsprechend ihrem Pflichtgef√ľhl. Die wachsende Bedeutung der intimen Freundschaft in der Pubert√§t weist darauf hin, dass der soziale und emotionale Reifeprozess in allen Kulturen einem √§hnlichen Muster folgt. Dennoch sind Moralentscheidungen und Werte stark von der jeweiligen Kultur gepr√§gt.

"Meins, meins", schreit das Kleinkind und rei√üt beide Autos an sich. Obwohl es gerne mit anderen Kindern zusammen ist, kann es noch nicht teilen oder gar auf etwas verzichten. Doch mit der Zeit entwickeln sich die meisten der kleinen Egomanen zu einf√ľhlsamen Mitmenschen. Diesen moralischen Entwicklungsprozess untersucht die Psychologin Dr. Monika Keller vom Max-Planck-Institut f√ľr Bildungsforschung in Berlin. Dabei sei der Umgang mit Gleichaltrigen und insbesondere Freunden besonders wichtig, sagt Keller, denn so lernen Kinder, Konflikte miteinander auszuhandeln anstatt Angebote von sozial kompetenteren Erwachsenen zu √ľbernehmen. Das Kind √ľbt im Spiel und im Streit mit seinen Freunden, das eigene Verhalten aus der Sicht anderer zu sehen und zu beurteilen und lernt mit den sozialen Spielregeln umzugehen. Die Anspr√ľche an die Freundschaft ver√§ndern sich dabei mit wachsendem Alter, vom "gut zusammen spielen" in der Kindheit bis zum "Seelenaustausch" in der Pubert√§t.
Keller analysiert das Freundschaftsverst√§ndnis und auch das Verst√§ndnis der Eltern-Kind Beziehung von Kindern in unterschiedlichen Kulturen, wie in China, Russland, Japan, Island, USA, der ehemaligen DDR und der BRD. Am weitesten abgeschlossen ist der Vergleich von 120 Sch√ľlern und Sch√ľlerinnen im Alter von sieben, zw√∂lf, f√ľnfzehn und neunzehn Jahren aus Island, die in einer L√§ngsschnittstudie untersucht wurden, und etwa 80 gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen in China.

Keller und ihre Mitarbeiter in den verschiedenen L√§ndern f√ľhrten mit den Kindern und Jugendlichen Interviews √ľber Freundschaften und moralische Probleme im Alltag durch. In einem "Freundschaftsdilemma" verspricht ein M√§dchen (oder ein Junge, entsprechend dem Geschlecht und Alter des oder der Befragten) ihrer besten Freundin, sie zu besuchen. Am gleichen Tag erh√§lt sie jedoch eine interessante Einladung von einem Kind, das neu in die Klasse gekommen ist und noch keine Freunde hat. Die Einladung ist jedoch ausgerechnet an dem Tag, an dem sich dieses M√§dchen mit ihrer besten Freundin trifft. Hinzu kommt, dass die Freundin √ľber etwas Wichtiges sprechen m√∂chte. Die Kinder und Jugendlichen wurden zun√§chst befragt, ob und warum diese Situation problematisch ist. Anschlie√üend sollten sie sich in die Rolle der Protagonistin versetzen und eine Entscheidung treffen und begr√ľnden. Weitere Themen waren die Folgen dieser Entscheidung, die Strategien der Konfliktverhandlung und die √úberlegung, ob die Entscheidung moralisch richtig ist.

Im Entwicklungsverlauf ver√§nderten sich in allen untersuchten Kulturen die Vorstellungen √ľber Freundschaft in gleicher Weise. W√§hrend Kinder es als wichtig empfinden mit ihren Freunden zu spielen, sich zu m√∂gen und Geheimnisse auszutauschen, betonen die Jugendlichen gleiche Interessen, Vertrauen und Intimit√§t. Sowohl in China als auch in Island entschieden sich die sieben- und neunj√§hrigen Kinder mehrheitlich f√ľr die Einladung des neuen Kindes, w√§hrend die Zw√∂lf- und insbesondere die F√ľnfzehnj√§hrigen das Zusammensein mit der Freundin w√§hlten. Dabei ergab sich kein Unterschied zwischen Jungen und M√§dchen. Bemerkenswert jedoch waren die kulturellen Unterschiede im moralischen Urteil und seiner Begr√ľndung. Die isl√§ndischen Kinder entschieden sich f√ľr das neue Kind, weil das Angebot interessanter war, sie beurteilten diese Entscheidung jedoch unter moralischen Gesichtspunkten als falsch, weil sie den Freund kr√§nken w√ľrde. Die Sieben- und Neunj√§hrigen in China entschieden sich aus anderen Gr√ľnden f√ľr das neue Kind: Sie beriefen sich h√§ufig auf eine Schul-Regel, nach der ein neues Kind in die Gruppe integriert werden muss. Sie bewerteten es auch als richtiger, einem neuen Kindes zu helfen und glaubten, dass die Freundin dies verstehen w√ľrde. Die zw√∂lf- und insbesondere die f√ľnfzehnj√§hrigen Jugendlichen dagegen entschieden sich in beiden Kulturen mehrheitlich f√ľr die enge Freundschaft und hielten diese Entscheidung auch f√ľr moralisch geboten.

√úber die Zeit hinweg nahmen die Befragten aus beiden Kulturen das Problem unterschiedlich wahr: Die westlichen Kinder und Jugendlichen sahen einen Konflikt zwischen individuellem Gl√ľck und normativen Prinzipien wie Zuverl√§ssigkeit und Treue in Freundschaften. Die chinesischen Befragten dagegen erlebten einen Konflikt zwischen zwei gleicherma√üen wichtigen Verpflichtungen. Doch auch sie geben im Jugendalter der engen Freundschaft den Vorzug und wenden sich damit gegen die explizite kulturelle Sozialisation.

Freundschaft gewinnt in diesen beiden - aber auch in den anderen untersuchten - Kulturen im Jugendalter zentrale Bedeutung. Monika Keller interpretiert das Ergebnis so: "In der Pubertät lösen sich junge Menschen von den Eltern und intensivieren die Beziehungen zu den gleichaltrigen Freunden und Freundinnen. Diese starke emotionale Zuwendung zu Gleichaltrigen im mittleren Jugendalter könnte eine biologisch sinnvolle Vorbereitung auf eine spätere Partnerschaft sein, denn die Jugendlichen lernen in Freundschaften auch Intimität und Autonomie zu verhandeln."

Nach Studien in westlichen Kulturen wird Freundschaft im fr√ľhen Erwachsenenalter weniger eng. Die ersten Auswertungen der Interviews mit den Neunzehnj√§hrigen best√§tigen, dass in beiden Kulturen Vertrauen und Intimit√§t zwar wichtig bleiben, dass aber zugleich gesehen wird, dass Freundschaften in ein Netz aus anderen Beziehungen eingebettet sind und Raum f√ľr die Entfaltung von Individualit√§t lassen m√ľssen. Dabei betonen die chinesischen Befragten insbesondere den gesellschaftlichen Charakter von Freundschaft und sehen Freunde als eine Unterst√ľtzung im gesellschaftlichen Leben, als Helfer und Korrektoren. Die isl√§ndischen Befragten dagegen sehen Freundschaft als eine sehr private Beziehung, in der Freunde die Rolle von Therapeuten bei der L√∂sung pers√∂nlicher Problem einnehmen.

Kellers Untersuchungen zeigen, dass sich das Verst√§ndnis von sozialen Beziehungen und moralischen Regeln im Kontext unterschiedlicher gesellschaftlicher Sozialisation entwickelt, gleichzeitig jedoch universelle kognitive und emotionale Reifungsprozesse widerspiegelt. In allen Kulturen m√ľssen Jugendliche die gleiche Entwicklungsaufgabe meistern, sich von den Eltern l√∂sen und Gleichaltrigen zuwenden, auch wenn Rechte und Pflichten in diesen Beziehungen kulturell unterschiedlich definiert werden, betont die Psychologin. Daher ist sie darauf gespannt, die Vorstellungen √ľber Freundschaft und Eltern-Kind Beziehungen im Kulturvergleich zu sehen.


 
Link:

Unter

http://www.mpib-berlin.mpg.de/dok/full/keller/die entwi/index.htm

finden Sie einen Vortrag von Dr. Monika Keller, in dem sie die Untersuchung und ihre Ergebnisse ausf√ľhrlicher erl√§utert. Sie k√∂nnen sich auch gerne mit Dr. Monika Keller in Verbindung setzen unter keller@mpib-berlin.mpg.de oder per Tel: 030 / 824 06 356